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3. Lebenshauch und Geist — gibt es einen Unterschied?

Um das Verhältnis von (Lebens-)Hauch, Odem und Geist besser zu verstehen, ist ein Blick in den biblischen Grundtext hilfreich. Das im 1. Mose 2,7 verwendete hebräische Wort n'schamah wird als Odem, Hauch oder Geist übersetzt.1 Es kommt 24mal im Alten Testament vor und damit weitaus weniger als ruach, welches ebenfalls für Odem, Geist oder auch Hauch bzw. Wind steht.

Ruach findet sich ganze 379mal im Alten Testament, oftmals geht es dabei allerdings nicht um den Geist/Odem des Menschen, sondern um Gottes Geist und sein Wirken. Sowohl n'schamah als auch ruach können sich aber auch auf den Menschen beziehen. Beide Begriffe stehen also nebeneinander und die Frage ist, ob sie unterschiedliche Elemente beschreiben.

Verschiedene Stellen im Buch Hiob ziehen eine Verbindung zwischen dem Lebenshauch und dem Wirken eines Geistes am und im Menschen: Aber der Geist (ruach) ist es in den Leuten und der Odem (n'schamah) des Allmächtigen, der sie verständig macht. (Hiob 32,8). Hier geht es offensichtlich um ein Grundprinzip: Ohne eine von Gott gegebene geistige Komponente könnte der Mensch nicht denken, sich nicht entscheiden und nichts wollen.

Die nicht nur vorübergehende, sondern dauerhaft bestehende Abhängigkeit des menschlichen Lebens von Gott beschreibt Hiob 34,14-15: So er nur an sich dächte, seinen Geist (ruach) und Odem (n'schamah) an sich zöge, so würde alles Fleisch miteinander vergehen, und der Mensch würde wieder zu Staub werden. Ohne ein eigenes geistiges Element kann demnach der Mensch nicht leben. In Hiob 27,3 bezieht sich Hiob auf sein eigenes Leben: solange mein Odem (n'schamah) in mir ist und der Hauch (ruach) von Gott in meiner Nase ist: Diese Stelle belegt, dass n'schamah auch für das geistige Element im Menschen stehen kann, also nicht ausschließlich als Bezeichnung für Gottes Geist bzw. für den Lebenshauch Gottes gebraucht wird.

Eine gleichgerichtete Aussage trifft die Bibel über den Sohn der Witwe, den Elia wieder zum Leben erweckt, in 1. Könige 17,17: Und nach diesen Geschichten ward des Weibes, seiner Hauswirtin, Sohn krank, und seine Krankheit war so sehr hart, daß kein Odem (n'schamah) mehr in ihm blieb. Der Odem — wie schon in Hiob 27,3 hier abermals nicht mit ruach bezeichnet — hat den Jungen verlassen, er ist also gestorben. Wenn der Lebenshauch Gottes nicht mehr wirkt und kein Odem mehr in ihm ist, stirbt der Mensch.

Schließlich wird der Hauch bzw. der Odem von Salomo in Sprüche 20,27 in einem eindeutigen Bild als Geist des Menschen bezeichnet: Eine Leuchte des HERRN ist des Menschen Geist (n'schamah); die geht durch alle Kammern des Leibes. In diesem Vers erscheint „Geist" als die zwingend richtige Übersetzung, denn ein Hauch in Gestalt eines körperlichen Atems kann nicht zu einer den ganzen Menschen berührenden Erkenntnis führen. Der Lebenshauch Gottes steuert und prägt also als Geist des Menschen sämtliche Teile des Körpers. Gelangt der Mensch zu wahrer Erkenntnis über Gott und über sich und wird sich dessen bewusst, geschieht dies über den menschlichen Geist zur Ehre Gottes.

Schauen wir auf die Texte, stehen demnach Lebenshauch, Odem und Geist in engem Zusammenhang. Das Leben geben kann allein Gott, sein Mittel bei Adam — und indirekt bei Eva und damit bei allen Menschen — ist der „Lebenshauch". Kommt der von Gott ausgehende Lebenshauch mit dem aus Erde geformten Körper zusammen, beginnt das Leben, denn der Lebenshauch Gottes bewirkt, dass ein Geist des Menschen entsteht und zu wirken beginnt, denn nur so — mit Körper und mit eigenem Geist — kann dieser leben.

Dieser Vorgang ist Teil des Schöpfungsaktes und wirkt bis heute fort. Lässt sich die Entstehung des menschlichen Geistes aus dem Lebenshauch Gottes auch buchstäblich aus der Bibel ableiten? Ja, nämlich aus einer traurigen Textstelle, in der die Folgen der Sintflut als Zerstörung großer Teile der Schöpfung Gottes beschrieben werden. Ausnahmsweise wird hier 1. Mose 7,21-22 nach der Elberfelder Übersetzung zitiert: Da verschied alles Fleisch, das sich auf der Erde regte, an Vögeln und an Vieh und an Tieren und an allem Gewimmel, das auf der Erde wimmelte, und alle Menschen; alles starb, in dessen Nase ein Odem (ruach) von Lebenshauch (n'schamah chai) war, von allem, was auf dem Trockenen war.

Entgegengesetzt zum Schöpfungsakt verlässt der Odem die Geschöpfe, als sie in der Sintflut sterben. Ihr Odem, also ihr Geist, war herausgebildet aus dem Lebenshauch Gottes, der Quelle für jeden Geist aller seiner irdischen Geschöpfe. Dieses Prinzip gilt dabei nicht allein für den Menschen, sondern gleichfalls für die Tiere, auch wenn diese nicht zum Bilde Gottes geschaffen wurden und in ihren geistigen Fähigkeiten nicht an den Menschen heranreichen.

Weil der Lebenshauch von Gott kommt (der ja selbst Geist ist, wie wir in Johannes 4,24 gesehen haben) unterliegt dieser Lebenshauch — und folglich auch der daraus/davon hervorgehende Geist — nicht den uns vertrauten Naturgesetzen der Materie. Das ist ein entscheidender Unterschied zum Körper, der von der Erde genommen ist. Deshalb ist der Geist des Menschen selbst physikalisch nicht nachweisbar, sehr wohl aber seine Wirkung. So besteht in der Wissenschaft Einigkeit darüber, dass die (messbaren) Gehirnströme ausgehend von der Hirnrinde ohne Ausnahme sämtliche Prozesse im Körper steuern. Aber gleichzeitig bleibt unerklärlich, wieso überhaupt derartige Stromimpulse in komplexen und zugleich sinnvollen Mustern in den Zellen der Hirnrinde ausgelöst werden können.

Immer dann, wenn es um physikalisch messbare Effekte geht, hat der Geist entweder seine Tätigkeit schon vorgenommen oder der Geist wird auf nachweisbare Signale des Körpers (die Stromimpulse fließen auch wieder zurück in die Hirnrinde) unmittelbar anschließend reagieren. Die sichtbare Materie einschließlich der physikalisch erklärbaren Elektrizität zeigt uns die Wirkung eines Geistes und sein Zusammenspiel mit dem Körper, aber nie den immateriellen Geist des Menschen selbst.

Aus der Begrifflichkeit „Lebenshauch" wird mitunter die (falsche) Schlussfolgerung gezogen, Gott hätte dem Menschen physischen Atem eingehaucht und ihn so ins Leben gerufen. Der Atem des Menschen sei der klare Beweis bzw. der eigentliche Beginn des Lebens. Dies steht aber weder in der Bibel, noch ist es richtig. Wenn der Atem an sich das untrügliche Zeichen für Leben wäre, stellt sich sofort die Frage, ob und ab wann der Fötus im Bauch seiner Mutter lebt? Der Fötus atmet zwar nicht, aber er reagiert auf viele Reize und kann ab einem bestimmten Entwicklungsstand unzweifelhaft schon selbst denken. Würde man nun die nicht-biblische Gleichsetzung „Atmen = Leben" konsequent anwenden, wäre eine Abtreibung selbst kurz vor der Geburt ethisch unproblematisch, solange man den Fötus nicht selber atmen lässt, weil er nach dieser Definition ja nicht „leben" würde. Glücklicherweise sind staatliche Gesetzgeber an diesem Punkt weitsichtiger als manche Menschen, die glauben, sich auf die Bibel berufen zu können.

Mit dem Beispiel eines Babys im Bauch der Mutter ist hoffentlich nachvollziehbar, warum „Atmen" und „Leben" nicht identisch sein können. Das Leben des Menschen beginnt nicht mit der Geburt, sondern schon mit der Verschmelzung von Eizelle und Samenzelle. Von Beginn an gibt es dabei auch eine eigenständige geistige Komponente, ebenfalls als hälftiges Erbteil von Mutter und Vater.

Atmen zu können setzt nicht einmal voraus, einem Geist oder Odem zu besitzen, auch wenn diese Merkmale bei Adam als erstem Menschen ausnahmsweise zeitlich zusammenfallen. Atmen ist ein biologischer Prozess, der in sich selbst keine geistige Komponente aufweist. Dies zeigt sich klar bei Pflanzen, die neben der von ihnen betriebenen Photosynthese gleichfalls atmen, wenn auch nicht über Lungen.

Die Bibel sagt aber an keiner Stelle, das Pflanzen einen Odem oder Geist hätten, dieser bleibt Mensch und Tier vorbehalten: Denn es geht dem Menschen wie dem Vieh: wie dies stirbt, so stirbt er auch, und haben alle einerlei Odem, und der Mensch hat nichts mehr als das Vieh; denn es ist alles eitel. Es fährt alles an einen Ort; es ist alles von Staub gemacht und wird wieder zu Staub. Wer weiß, ob der Odem der Menschen aufwärts fahre und der Odem des Viehes unterwärts unter die Erde fahre? (Prediger 3,19-21).

Wenn wir laut Bibel davon ausgehen können, dass Pflanzen keinen Odem erhalten haben, dann ist ein Odem/Geist offenbar nicht unbedingt nötig, um atmen zu können. Gleichzeitig macht diese Stelle nochmals sehr deutlich, dass auch Tiere einschließlich der nicht über die Luft atmenden Fische einen Odem/Geist haben, der sich in seinem Wirkprinzip nicht vom Geist des Menschen unterscheidet. Selbstverständlich sind die geistigen Fähigkeiten und Bedürfnisse des Menschen umfassender als diejenigen der Tiere, aber auch die Körper von Tieren werden durch ihren Geist gesteuert.

Fassen wir die biblischen Aussagen zur Entstehung des Menschen zusammen, dann sollten wir dabei seine Bestandteile vor und nach der Schöpfung betrachten und unterscheiden. „Erde" ist die uns bekannte Materie, die Gott für den Körper verwendet. Der menschliche Körper bleibt als solcher weiter Materie. Deshalb unterliegt der Körper allen Naturgesetzen, er benötigt Energie. Der Körper kann mechanisch zerstört oder vergiftet werden und ist in seinen Funktionen temperaturabhängig.

Die Erde wandelt sich als menschlicher (oder tierischer) Körper nicht um in etwas Über‑Materielles, sie wird auch nicht zu „belebter Materie" oder bekommt auf wundersame Weise eigenständige geistige Fähigkeiten wie Denken, Fühlen und Entscheidungsvermögen. Dies ist für „Erde" naturgesetzlich ausgeschlossen und Gott hält sich an die von ihm selbst gesetzte Ordnung.

Erst ein Lebenshauch, ausgehend von Gott, belebt den bis dahin toten Körper Adams. Im bzw. am Körper wird der Lebenshauch Gottes zum Geist des Menschen. Vieles spricht dafür, dass der menschliche Geist an der Hirnrinde als Schaltzentrale aller Funktionen des Menschen seinen Sitz hat, dafür gibt es allerdings keine direkte biblische Aussage. Weder Gottes Lebenshauch noch der daraus hervorgehende Geist des Menschen bestehen aus Materie, deshalb greifen die Naturgesetze für Materie an dieser Stelle nicht.

Erst im Zusammenspiel von Geist und Körper zeigt sich bei Menschen und Tieren das Leben. Über Pflanzen wissen wir, dass sie auf äußere Reize wie etwa Sonnenlicht reagieren (müssen), einen aktiven Stoffwechsel aufweisen und insoweit „leben". Dabei hat die Pflanze keine Wahl, sie muss z. B. immer hin zum Licht wachsen. Im Gegensatz zur Pflanze, die keinen eigenen Geist besitzt, kann der Mensch nicht nur reagieren, sondern auch positiv oder negativ entscheiden, d. h. er hat ein eigenes „Nein". Der Mensch besitzt vielfältige geistige Fähigkeiten und umfassende geistige Bedürfnisse (wie Freiheit, Harmonie und Neugier) — und er steht in einer geistigen Abhängigkeit zu Gott. Deshalb kennt Gott uns bis ins Innerste: Und ich kenne ihre Werke und Gedanken. ... (Jesaja 66,18).

Die Bestandteile des Menschen vor und die Natur des Menschen nach der Schöpfung lassen sich in einem Schema zusammenfassen:

Vor der Schöpfung
Schöpfungsakt
lebendiger Mensch
(Körper + Geist = lebendige Seele)
Erde
(gewöhnlich, Materie, unterliegt, Naturgesetzen)
Körper
(vom Geist belebte und gesteuerte Materie, unterliegt weiter Naturgesetzen)
+
Geist
(immateriell, Wirkung erkennbar, aber selbst nicht physikalisch messbar)
Lebenshauch
(bei Gott)

Wie schon erwähnt, lässt sich dieses Prinzip ebenso auf alle Tiere anwenden. Tiere bestehen ebenfalls aus Geist und Körper (nach 1. Mose 2,19 sind auch die Körper der Landtiere und der Vögel von der Erde genommen), gleichwohl sie im Gegensatz zum Menschen nicht zu Gottes Bilde geschaffen wurden. So betrifft die Ankündigung der Sintflut Mensch und Tier gleichermaßen: Denn siehe, ich will eine Sintflut mit Wasser kommen lassen auf Erden, zu verderben alles Fleisch, darin ein lebendiger Odem (ruach chai) ist, unter dem Himmel. Alles, was auf Erden ist, soll untergehen. (1. Mose 6,17)

Die Bibel sagt damit deutlich, dass auch Tiere einen Lebenshauch von Gott erhalten haben, es bleibt lediglich offen, auf welche Weise sie diesen von Gott bekamen.


  1. In 1. Mose 2,7 geht es ausdrücklich um den Odem des Lebens oder Lebenshauch, der ausschließlich von Gott ausgeht, dort bezeichnet als n'schamah chai.