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4. Der Geist im Menschen

Das ein Geist im Körper des Menschen wohnen muss, damit er leben kann, schildert die Bibel vergleichbar zum Schöpfungsbericht auch in Hesekiel 37,5: So spricht der Herr HERR von diesen Gebeinen: Siehe, ich will einen Odem in euch bringen, daß ihr sollt lebendig werden. Es geht hier um das Gesicht von Hesekiel über Israels Auferstehung, dessen Totengebein eines ganzen großen Heeres wieder zum Leben erweckt wird. Wie beim Schöpfungsbericht wird erst der Körper (wieder)hergestellt, dann wird den Körpern der Odem eingehaucht und erst dadurch werden die Toten wieder lebendig.

Auch wenn der Mensch aus seinem Geist und seinem Körper besteht, bedeutet dies gerade nicht, dass der Mensch in freier Entscheidung über sie verfügen könnte. Eine eindringliche Darstellung der „Eigentumsverhältnisse" von Körper und Geist des Menschen gibt Paulus in 1. Korinther 6,20: Denn ihr seid teuer erkauft; darum so preiset Gott an eurem Leibe und in eurem Geiste, welche sind Gottes.

Die meisten Menschen denken zwar: Mein Körper gehört mir und ich kann mit ihm machen, was ich will! Die Bibel sagt aber genau im Gegenteil, dass unser Körper Gott gehört, weil er uns teuer mit dem Blut Jesu Christi erkauft hat. Und genauso gilt dies für den Geist. Wir haben zwar einen eigenen Geist, aber auch dieser gehört in Wahrheit Gott. Denn zum einen sind wir Geschöpfe, was bedeutet, dass wir selbst nichts originär herstellen oder neu erzeugen können. Einem Geschöpf kann nicht wirklich etwas „gehören". Und zum zweiten bietet uns Jesus hier und heute auf der Erde ein neues Leben im Geist an, also die Erlösung in Gestalt einer geistigen Neugeburt (wörtlich „Geburt von oben"), die jetzt allein durch Glauben möglich wird und bei der Auferstehung real geschieht.

Der Geist des Menschen ist zwar eine eigene, begrifflich fassbare Einheit, aber der menschliche Geist und damit der ganze Mensch ist immer abhängig von Gott. Die entscheidende Rolle Gottes als einzige Quelle des Lebens betont Hiob 33,4: Der Geist (ruach) Gottes hat mich gemacht, und der Odem (n'schamah) des Allmächtigen hat mir das Leben gegeben.

Diese Abhängigkeit des Lebens von Gott gilt dabei nicht nur für die Entstehung des Menschen, sie gilt auf Dauer und unabänderlich: Verbirgst du dein Angesicht, so erschrecken sie; du nimmst weg ihren Odem, so vergehen sie und werden wieder zu Staub. Du lässest aus deinen Odem, so werden sie geschaffen, und du erneuest die Gestalt der Erde. (Psalm 104,29-30).

Besonders deutlich wird die unaufhebbare Unterscheidung zwischen Schöpfer und Geschöpf in Apostelgeschichte 17,25 in der Beschreibung Gottes: sein wird auch nicht von Menschenhänden gepflegt, als der jemands bedürfe, so er selber jedermann Leben und Odem allenthalben gibt. Eine Alternative zur Existenz als Geschöpf gibt es für uns alle nicht, der Mensch kann nur in Abhängigkeit von Gott leben, ansonsten muss er sterben.

Die entscheidende Rolle des Geistes wird auch im Wirken des Heilands deutlich. In Johannes 6,63 sagt Jesus: Der Geist ist's, der da lebendig macht; das Fleisch ist nichts nütze. Die Worte, die ich rede, die sind Geist und sind Leben. Sicherlich geht es an dieser Stelle um die Erlösung durch den Glauben, um die Annahme des neuen Lebens Jesu, die geistige Neugeburt von oben. Das Prinzip von Geist = Leben gilt aber umfassend. So heißt es bei der Auferweckung der Tochter des Jairus durch Jesus in Lukas 8,55: Und ihr Geist kam wieder, und sie stand alsobald auf. ...

Ohne einen Geist kann der Mensch nicht leben. Geist und Körper müssen zusammenwirken, denn weder funktioniert der Körper ohne Geist, noch der Geist des Menschen ohne den Körper. Es sind also beide Einheiten nötig, die allein für sich nichts tun können. Allerdings stehen Körper und Geist nicht in einer gleichberechtigten Beziehung nebeneinander, denn der Geist beherrscht die Materie.

Der Geist muss alle Vorgänge im Körper steuern (vielfach erfolgt dies unbewusst und nur in Sekundenbruchteilen), der Körper funktioniert gemäß den Befehlen und Steuerimpulsen, die er vom Geist erhält. Umgekehrt gibt es vielfältige Signale des Körpers an den Geist (z. B. „Hunger"), auf die der Geist sofort oder später reagieren i. S. von „abwägen" kann, aber darin nicht festgelegt ist. Der Körper kann dem Geist nicht befehlen.

Ein eingängiges, wenn auch irdisches Bild für das Zusammenspiel von Körper und Geist bieten ein Klavier (für den Körper) und ein Klavierspieler (für den Geist des Menschen), die nur zusammen Musik erzeugen (also leben) können. Dabei reagiert das Klavier auf die Aktionen des Spielers, das Klavier hat insoweit keinen Gestaltungsspielraum. Das Klavier kann nicht „Nein" sagen, wenn eine seiner Tasten gedrückt wird. Dagegen ist der Spieler frei in der Entscheidung, welche Taste er wann benutzen möchte. Gehen, etwa durch Krankheit, Unfälle oder im Alter körperliche Fähigkeiten verloren, kann man dies im Bild vom Klavier mit defekten Tasten vergleichen, die keine Töne mehr erzeugen, wenn sie angespielt werden.

Geprägt durch das materialistische Menschenbild aus der stoischen/epikureischen Denkschule der alten Griechen und angesichts der umfassenden Verbreitung der Evolutionstheorie bis in das Alltagsleben fällt es vielen Menschen schwer, zu akzeptieren, dass jeder Mensch neben dem Körper auch einen eigenen Geist haben muss.

Aber es gibt einfache Fragen, die eine geistige Komponente, die zusammen mit dem Körper agiert, beweisen: Warum ärgere ich mich (etwa über die Aussage einer anderen Person über mich)? Kann eine Zelle oder eine Region im Gehirn tatsächlich „beleidigt" werden? Warum lache ich (im Zweifel auch über schlechte Witze)? Warum fühle ich mich schlecht nach einem Streit in der Familie? Gibt es etwa ein bestimmtes Gehirnareal, dass Harmonie einfordert? Wieso kann jemand in einen ggf. tödlichen Hungerstreik treten, wenn ein Körper (mit Selbsterhaltungstrieb) die eigentliche Entscheidung trifft? Wir sehen hoffentlich, dass ohne einen Geist viele Verhaltensweisen und Bedürfnisse des Menschen (etwa nach der Zuneigung anderer Personen) unerklärbar blieben.

Auf die übergeordnete Bedeutung geistiger Bedürfnisse weist Jesus hin, als er nach 40 Tagen ohne Essen dem Versucher antwortet: ... Es steht geschrieben: „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeglichen Wort, das durch den Mund Gottes geht." (Matthäus 4,4). Jesus unterstreicht die ständige geistige Abhängigkeit des Menschen von seinem Schöpfer, der genau und am besten weiß, was dieser benötigt. Das Leben des Menschen besteht aus erheblich mehr als nur aus Essen und Trinken. Die Erfüllung der geistigen Bedürfnisse ist letztlich entscheidend dafür, ob und inwieweit jemand sein Leben als gelungen ansieht.

Warum ist es gemäß der Bibel unzweifelhaft so, dass der Mensch einen eigenen Geist hat? Weil Jesus für uns gestorben ist! Der Mensch kann eigenständig handeln (leider oft falsch), er kann sich entscheiden, etwas zu tun oder zu lassen, er kann bewerten und aus Alternativen auswählen. Das macht ihn zu einer eigenständigen Person, die Gott sich selbst zum Bilde geschaffen hat (1. Mose 1,27).

Ein aus Materie bestehender Körper kann so wunderbar geformt sein wie er will, Materie trifft keine eigenen Entscheidungen — im Gegenteil, sie muss gesteuert werden. Beim Sündenfall sind erst Eva und dann Adam einem Selbstbetrug erlegen, der sie in eine falsche Entscheidung und damit in eine Trennung von Gott geführt hat. Der Mensch ist Gott als Person wichtig, nicht als überkomplexe Marionette, deren Entscheidungen schon im Voraus „genetisch" oder anderweitig festgeschrieben sind, wie es ohne einen eigenen Geist der Fall wäre.

Selbstverständlich ist der Mensch für Gott niemals ein gleichwertiges Gegenüber auf Augenhöhe. Gott gleich sein zu wollen ist Sünde. Aber Gott liebt seine Geschöpfe und sandte seinen Sohn in einen qualvollen Tod, weil dies der einzige Weg war, um uns zu retten. Für einen atmenden Erdenkloß ohne eine eigene geistige Komponente wäre dieser über Jahrtausende bis heute ablaufende Erlösungsplan weder erforderlich noch zweckmäßig gewesen.

Als Psalmist schreibt David: In deine Hände befehle ich meinen Geist; du hast mich erlöst, HERR, du treuer Gott. (Psalm 31,6). Hier geht es im Kontext der anderen Verse nicht um seinen unmittelbar bevorstehenden Tod, auch wenn das Leben Davids z. B. durch die Verfolgung von Seiten Sauls mehrfach bedroht war. David ruft Gott um geistigen Beistand an, er bittet ihn, seinen Geist zu lenken und stellt seinen Geist unter die bewahrende Macht der Hand Gottes. Dieses Gebet — naheliegend als eine Bitte um Schutz und zur Bewahrung in der Nacht vor Gott zu legen — wäre sinnlos, wenn der Mensch keinen eigenen Geist und keine eigene Persönlichkeit hätte.

Einer der bekanntesten Stellen in der Bibel ist Psalm 51, ebenfalls geschrieben von David. Er ringt um Buße, Vergebung und Gnade und beschreibt in Vers 12-14 wunderbar die Erlösung des Menschen: 12. Schaffe in mir, Gott, ein reines Herz und gib mir einen neuen, gewissen Geist. 13. Verwirf mich nicht von deinem Angesicht und nimm deinen heiligen Geist nicht von mir. 14. Tröste mich wieder mit deiner Hilfe, und mit einem freudigen Geist rüste mich aus.

Mit „Herz" meint David natürlich nicht das körperliche Herz, sondern das Innerste im Menschen, die unbewusste Identität, die Gott als HERRN und Schöpfer anerkennen muss. Er bittet um einen „neuen" und „gewissen", also starken und zuversichtlichen Geist, der zudem auch „freudig" ist. Diese Eigenschaften betreffen Davids eigenen, also den menschlichen Geist. Dafür bittet er um den Heiligen Geist, den Geist der Heiligkeit Gottes, der ihn begleiten und in ihm wohnen soll.

Vergebung und Erlösung geschehen in Zusammenarbeit des Heiligen Geistes mit dem menschlichen Geist. Ohne einen menschlichen Geist, der mit dem Körper verbunden ist, hätte der Heilige Geist keinen Ort oder „Raum", in dem er im Menschen wirken könnte. Vers 13 hebt die entscheidende Rolle des Heiligen Geistes hervor1, in den Versen vorher und danach geht es damit verbunden um den Geist des Menschen, der sich verändern muss.

Und kurz darauf schreibt David in Vers 19 über den Ausgangspunkt jeder Bekehrung: Die Opfer, die Gott gefallen, sind ein geängsteter Geist; ein geängstet und zerschlagen Herz wirst du, Gott, nicht verachten. Jesaja 57,15 bezieht sich ebenso auf den Geist und das Gemüt/den Sinn (Herz) des Menschen: Denn also spricht der Hohe und Erhabene, der ewiglich wohnt, des Name heilig ist: Der ich in der Höhe und im Heiligtum wohne und bei denen, die zerschlagenen und demütigen Geistes sind, auf daß ich erquicke den Geist der Gedemütigten und das Herz der Zerschlagenen:

Die Erkenntnis, dass man ein Sünder ist und im Herzen von Grund auf böse, ist erschütternd und zunächst angstmachend. Diese Einsicht steht für den Menschen am Anfang des Wegs zur Erlösung. Jesus stößt niemanden weg, der ehrlichen Sinnes zu ihm kommen möchte. Es steht wohl außer Frage, dass Psalm 51,19 und Jesaja 57,15 nicht über einen Atem oder Windhauch sprechen. Ein „geängsteter Geist" kann sich nur auf einen eigenständigen menschlichen Geist beziehen, denn Gottes Geist lässt sich nicht als verängstigt oder in anderer Weise als schwach bezeichnen.

Das Prinzip der geistigen Erneuerung als Weg der Erlösung durch Jesus Christus wird selbstverständlich mehrfach in der Bibel betont. Auch in Hesekiel 36,26-27 wird das Zusammenwirken von Gottes Geist und dem Geist des Menschen unterstrichen: Und ich will euch ein neues Herz und einen neuen Geist in euch geben und will das steinerne Herz aus eurem Fleisch wegnehmen und euch ein fleischernes Herz geben; ich will meinen Geist in euch geben und will solche Leute aus euch machen, die in meinen Geboten wandeln und meine Rechte halten und darnach tun.

Die Verse zeigen die beiden Seiten eines einzigen Prozesses. Gott gibt seinen Geist in uns, damit wir existieren — und er gibt uns auch einen neuen Geist. Dadurch, dass der Heilige Geist in uns, also mit unserem menschlichen Geist, arbeitet und wirkt, werden wir im Glauben verwandelt zu einem neuen Wesen, dass sich seiner Identität und Beziehung zu Gott völlig gewiss ist. Kommt dieser Prozess zur Vollendung, wandelt der geistig erneuerte Mensch im Einklang mit Gottes Geboten. Er hat dann weiterhin einen eigenen Entscheidungsspielraum, aber sein Handeln wird sich völlig freiwillig niemals gegen Gottes Weisungen richten.

Menschen, die sich geistig vollständig ihrer Beziehung zu Gott sicher sind, was auch das tiefste Unterbewusstsein, also das „Herz" mit einschließen muss, gewinnen eine unschätzbar wertvolle Fähigkeit zurück, die Adam und Eva anfangs im Paradies besaßen, aber beim Sündenfall verloren haben. Sie können wirklich frei denken, weil sie von nichts und niemand außer von Gott abhängig sind. In Johannes 8,31-32 sagt Jesus: ... So ihr bleiben werdet an meiner Rede, so seid ihr meine rechten Jünger und werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen. Verheißen wird hier eine völlige geistige Freiheit bei gleichzeitig vollständiger Anbindung an Gott. Dadurch würde sich die Gedankenwelt eines jeden Menschen grundlegend zum Guten verändern.

Ängste, Schuldzuweisungen an sich selbst und andere, Hass und negative Emotionen uvm. sind Gedanken, die ursprünglich keinen Platz in Gottes Schöpfung hatten. Die allermeisten Menschen sind weit davon entfernt, frei denken zu können. Aber die Bibel fordert uns an vielen Stellen dazu auf, Gott in allem zu gehorchen und ihm völlig zu vertrauen: Er aber, der Gott des Friedens, heilige euch durch und durch, und euer Geist ganz samt Seele und Leib müsse bewahrt werden unsträflich auf die Zukunft unsers Herrn Jesu Christi. (1. Thessalonicher 5,23).

Dieser Vers betont die Heiligung, die zuerst eine Sache des Glaubens ist und damit im Geist (im Griechischen als pneuma bezeichnet) beginnen muss. Die Erwähnung der Seele unterstreicht die ganzheitliche Wirkung einer geistlichen Veränderung auf das ganze „Leben" = „Seele" des Menschen, abschließend wird dann der Körper genannt, der funktionsgemäß vom Denken und der sonstigen Tätigkeit des Geistes geprägt wird.

Die herausragende Rolle des Geistes betont Paulus auch an anderer Stelle, etwa in der Grußformel in Galater 6,18: Die Gnade unsers Herrn Jesus Christus sei mit eurem Geist, liebe Brüder! Amen. und ebenso im 2. Timotheus 4,22: Der Herr Jesus Christus sei mit deinem Geiste! ... Es ist offensichtlich, der Apostel spricht unzweifelhaft von einem Geist im Menschen, auf den sich die Gnade Jesu auswirken möge.

Glücklicherweise zeigt die Bibel an vielen Stellen, dass der Mensch — solange er lebt — einen eigenen Geist hat2, der nicht nur den Körper steuert, sondern über individuelles Denken und das Treffen von Entscheidungen die Person eines jeden Menschen ausmacht.


  1. Im Alten Testament beziehen sich Psalm 51,13 sowie Jesaja 63,10 auf das Wirken des Heiligen Geistes / des Geistes seiner (Gottes) Heiligkeit. 

  2. So Hiob 12,10: daß in seiner Hand ist die Seele alles dessen, was da lebt, und der Geist des Fleisches aller Menschen? und in Betonung der Rolle Gottes als Schöpfer Sacharja 12,1: Dies ist die Last des Wortes vom HERRN über Israel, spricht der HERR, der den Himmel ausbreitet und die Erde gründet und den Odem des Menschen in ihm macht: