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5. Die Seele — das Leben des Menschen

Wie im Schöpfungsbericht eindeutig dargelegt, bekommt der Mensch beim ersten eigenständigen Atemzug keine Seele eingehaucht, denn er ist als Ganzes die lebendige Seele.

Das hebräische Wort für Seele lautet nephesch. Als Wortstamm wird naphasch — erholen; erquicken angesehen.1 Wir erinnern uns, Gott ruhte am 7. Tag der Schöpfung. Ausgehend von der Schöpfungswoche schlägt 2. Mose 31,17 einen Bogen zum Sabbat im 4. Gebot: Er ist ein ewiges Zeichen zwischen mir und den Kindern Israel. Denn in 6 Tagen machte der HERR Himmel und Erde; aber am 7. Tage ruhte er und erquickte (naphasch) sich. Seele und damit Leben haben ganz zentral etwas mit Wohlbefinden und Erfüllung zu tun. Gott hat den Menschen als lebendige Seele für eine Aufgabe (die Verwaltung der Erde) geschaffen, die ihn, in enger Beziehung zu Gott stehend, auf Dauer erfüllen und glücklich machen sollte bzw. gemacht hätte.

Wörtlich lässt sich nephesch auch mit „Kehle" oder „Hals" (und auch mit „Atem") übersetzen. Psalm 103,1 zeigt, wie nah diese Bedeutung liegen kann: Lobe den HERRN meine Seele, und was in mir ist, seinen heiligen Namen! Jemand, der Gott mit ganzer Überzeugung loben und preisen möchte, wird dies mit voller Stimme und aus ganzer Kehle tun. Hals und Kehle sind zweifellos wichtige Organe, denn alle Nahrung, Trinken und die Luft zum Atmen gehen dort hindurch in den Körper. Es bleibt aber anzumerken, dass laut 1. Mose 2,7 Gott dem Körper des Adam den Lebenshauch nicht in seine Lungen, sondern in dessen Nase (die eine anatomisch enge Verbindung zum Gehirn aufweist) eingehaucht hat. Der erste Atemzug Adams war damit nicht die Ursache, sondern die Folge seiner Belebung.

Seele = nephesch kommt ganze 751mal im Alten Testament vor sowie als Seele = psyche weitere 103mal im Neuen Testament. Es kann in diesem Büchlein nicht auf jede einzelne Stelle eingegangen werden. Eines lässt sich aber nicht deutlich genug betonen: Selbst wenn es in manchen Versen bzw. in manchen Übersetzungen beim ersten Lesen so scheint, kennt die Bibel keine eigenständige oder gar unsterbliche „Seele", die entweder nach dem Tod oder auch schon vor dem Sterben eine eigene Existenz aufnimmt. Die Seele steht für das Leben des Menschen, der wiederum aus Geist und Körper besteht. Die Seele ist auch kein die restliche Persönlichkeit ergänzender (Teil-)Geist, der in irgendeiner Abgrenzung zum Verstand verantwortlich ist für menschliche Gefühle oder die Beziehungen zu Anderen. Nein, mit „Seele" wird der ganze lebendige Mensch in seiner Gesamtheit angesprochen.

Seele beschreibt den Menschen als einzigartiges Individuum und fungiert als Begriff für die Person als Ganzes. Manchmal ist dies erst auf den zweiten Blick erkennbar: Alle Arbeit des Menschen ist für seinen Mund; aber doch wird die Seele nicht davon satt. (Prediger 6,7). Geht es hier um eigene Wünsche und Gelüste einer vom Körper abgrenzbaren Seele? Nein. Angesprochen werden die geistigen Bedürfnisse des Menschen als ganze Persönlichkeit, die durch Essen und Trinken nicht gestillt werden.

Mit der Frage nach dem Lebensglück beschäftigt sich das Gleichnis vom reichen Kornbauern. In Lukas 12,19-20 heißt es: und will sagen zu meiner Seele: Liebe Seele, du hast einen großen Vorrat auf viele Jahre; habe nun Ruhe, iß, trink und habe guten Mut! Aber Gott sprach zu ihm: Du Narr! diese Nacht wird man deine Seele von dir fordern; und wes wird's sein, das du bereitet hast? Die „liebe Seele" bezeichnet hier wiederum den ganzen Menschen, zumal es ausdrücklich auch um leibliche Dinge geht. Wenn „die Seele gefordert wird", geht das Leben zu Ende, der Mensch stirbt. Der Kornbauer sorgt sich um weltliche Dinge, nicht um seine Erlösung. Ob er bereits in dieser Nacht oder erst später sterben muss, ist dabei gar nicht entscheidend.

Formulierungen wie „meine Seele", „seine Seele" usw. sind — wie im Falle des Kornbauern — zudem häufig als Umschreibungen für das jeweilige Personalpronomen zu verstehen: So sage doch, du seist meine Schwester, auf daß mir's wohl gehe um deinetwillen und meine Seele (= ich) am Leben bleibe um deinetwillen. (1. Mose 12,13). Abram fürchtet in der Fremde um sein nacktes Leben, seine schöne Frau (die zudem seine Halbschwester war), soll ihn retten.

Gleichzeitig ist die Seele keine exklusive Bezeichnung für den Menschen, denn auch Tiere werden als Seele bezeichnet. So heißt es schon vor der Erschaffung des Menschen in 1. Mose 1,24: Und Gott sprach: Die Erde bringe hervor lebendige Tiere (nephesch), ein jegliches nach seiner Art: Vieh, Gewürm und Tiere auf Erden, ein jegliches nach seiner Art. Und es geschah also. Tiere werden in der Bibel demnach mit dem gleichen Begriff einer „Seele" bezeichnet.

Dass die „Seele" für den ganzen Menschen und dessen Leben steht, geht deutlich auch aus Hesekiel 18,4 hervor: Denn siehe, alle Seelen sind mein; des Vaters Seele ist sowohl mein als des Sohnes Seele. Welche Seele sündigt, die soll sterben. Es geht in diesem Vers um menschliche Väter und Söhne als ganze Personen, die für ihre eigenen Entscheidungen und Taten einstehen müssen, nicht aber für die Fehler ihrer Eltern.

Im Grundtext des Neuen Testamentes steht das griechische Wort psyche für Seele, aber vor allem auch für Leben und im Ausnahmefall für Herz (Gefühlswelt). Die Bedeutung „Leben" kommt eindeutig hervor in Matthäus 16,25: Denn wer sein Leben (psyche) erhalten will, der wird's verlieren; wer aber sein Leben (psyche) verliert um meinetwillen, der wird's finden. Offensichtlich geht es um das ganze „Leben" an sich, dass sich Menschen nicht selbst bewahren oder suchen können. So erschließt sich der direkt folgende Vers in Matthäus 16,26: Was hülfe es dem Menschen, so er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele (psyche)? Oder was kann der Mensch geben, damit er seine Seele (psyche) wieder löse? Die durchgängige Verwendung von psyche widerlegt eine Interpretation, wonach der Mensch seine „Seele" als eine eigenständige Komponente vor Schaden bewahren oder auslösen soll. Auf dem Spiel steht vielmehr das ganze Leben des Menschen, Vers 26 ist damit kein Widerspruch zum Vers 25, sondern dessen Bekräftigung.

Entgegen dem deutschen Sprachgefühl schließt psyche in der Bedeutung von Leben die körperlichen Bedürfnisse ausdrücklich mit ein: Darum sage ich euch: Sorget nicht für euer Leben (psyche), was ihr essen und trinken werdet, auch nicht für euren Leib, was ihr anziehen werdet. Ist nicht das Leben (psyche) mehr denn die Speise? und der Leib mehr denn die Kleidung? (Matthäus 6,25). Gleichzeitig stellt diese Aussage aus der Bergpredigt Jesu nochmals klar, dass die geistigen Bedürfnisse „mehr" und damit wichtiger sind als die körperlichen Nöte.

Das Wort Seele steht auch im Neuen Testament für das ganze Leben eines Menschen im Sinne von „Person". In Apostelgeschichte 2,41 wird als Folge der Pfingstpredigt berichtet: Die nun sein Wort gern annahmen, ließen sich taufen; und wurden hinzugetan an dem Tage bei dreitausend Seelen. Es wurden also annähernd 3.000 Menschen, die sich bekehrt hatten, getauft und dadurch der Gemeinde angehörig. „Seele" steht hier schlicht für Mensch. Wenn im früheren Sprachgebrauch von einem „200-Seelen-Dorf" die Rede war, dann wohnten dort eben rund 200 Menschen.

Vor diesem Hintergrund erschließt sich auch Matthäus 10,28: Und fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, und die Seele nicht können töten; fürchtet euch aber vielmehr vor dem, der Leib und Seele verderben kann in die Hölle. Auf den ersten Blick scheint es so, als seien hier Leib und Seele getrennte Einheiten, wobei die Seele beim Tod des Leibes erst einmal weiterlebt. Es geht aber in diesem Vers um die Unterscheidung zwischen weltlichen Mächten, die den Körper = Leib eines Menschen zwar töten können, sein Leben an sich (die Seele) bleibt aber trotzdem immer in Gottes Hand. Wenn nun der Mensch die Erlösung durch Jesus Christus nicht annimmt, muss er gänzlich und endgültig den zweiten Tod sterben. Dazu und zum Begriff einer Hölle (hier mit geenna wörtlich zu nehmen) wird später noch ausgeführt.

Auf die Frage nach dem höchsten Gebot antwortet Jesus in Markus 12,30: ... und du sollst Gott, deinen Herrn, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüte und von allen deinen Kräften. ... Ist hier die Seele nur als eine von drei oder vier geistigen Komponenten des Menschen mit aufgezählt, die eigenständig neben dem Gemüt und dem Herz steht? Sicherlich nicht, die Aufzählung ist als Bekräftigung und Wiederholung zu verstehen, Gott mit allem zu lieben, was das eigene Leben ausmacht. Konsequenterweise sagt deshalb Jesus in Lukas 14,26: So jemand zu mir kommt und haßt nicht seinen Vater, Mutter, Weib, Kinder, Brüder, Schwestern, auch dazu sein eigen Leben (psyche), der kann nicht mein Jünger sein. Wer Jesus nachfolgen will, muss alles andere hinten anstellen, einschließlich der Familie. An die erste Stelle muss die zwingend notwendige Umwandlung seines gesamten bisherigen Lebens rücken, was nur im Glauben und durch die Hilfe des Heiligen Geistes möglich ist.

Die Auferweckung des Eutychus (er war bei der Predigt eingeschlafen und aus dem Fenster gefallen) durch Paulus wird in Apostelgeschichte 20,10 so geschildert: Paulus aber ging hinab und legte sich auf ihn, umfing ihn und sprach: Machet kein Getümmel; denn seine Seele (psyche) ist in ihm. Sicherlich, für sich allein stehend könnte der Vers so verstanden werden, dass eine eigenständige Seele den Körper des Eutychus (noch) nicht verlassen hatte. Nimmt man aber „Leben" als die eigentliche Bedeutung, sagt Paulus nicht mehr und nicht weniger, als dass man sich nicht aufregen solle, denn Eutychus lebt.

Die vielleicht schwierigste Bibelstelle zum Begriff der Seele ist Offenbarung 6,9-11: 9. Und da es das fünfte Siegel auftat, sah ich unter dem Altar die Seelen derer, die erwürgt waren um des Wortes Gottes Willen und um des Zeugnisses willen, das sie hatten. 10. Und sie schrieen mit großer Stimme und sprachen: Herr, du Heiliger und Wahrhaftiger, wie lange richtest du nicht und rächest unser Blut an denen, die auf der Erde wohnen? 11. Und ihnen wurde gegeben einem jeglichen ein weißes Kleid, und ward zu ihnen gesagt, daß sie ruhten noch eine kleine Zeit, bis daß vollends dazukämen ihre Mitknechte und Brüder, die auch sollten noch getötet werden gleich wie sie.

In diesen Versen wird zum ersten ausdrücklich betont, dass Gott allein für die Rache zuständig ist. Besonders — aber nicht nur — wenn Menschen wegen ihres Glaubens an Gott und ihres Eintretens für die Wahrheit getötet werden, steht das geschehene Unrecht Gott dauerhaft klar vor Augen, er muss nicht daran erinnert werden. So sagt Gott in 1. Mose 4,10 schon zu Kain, nachdem dieser den Abel erschlagen hatte: ... Was hast du getan? Die Stimme des Bluts deines Bruders schreit zu mir von der Erde. Gott nimmt jedes Unrecht wahr, aber es sind seine Geschöpfe, die ihre Schuld im Zweifel verstecken wollen.

Offenbarung 6,9-11 ist zum zweiten eine Erinnerung und Mahnung an die vielen Menschen, die im Laufe der Jahrtausende ihren Glauben über ihr irdisches Leben gestellt haben. Alle für Gott gestorbenen Märtyrer werden nach Gottes Plan auferstehen und Gottes Rache sehen, aber erst muss ihr Lebensweg mit Gott vollendet und ihre Zahl voll werden. Sie sind alle bei Gott angeschrieben, sie erhalten besondere Ehrungen und werden gerechtfertigt (dafür steht das weiße Kleid). Er wird nicht einen von ihnen vergessen oder übersehen.

Die Verse richten sich unmittelbar an die Menschen der Endzeit, unter denen es ebenfalls etliche Märtyrer geben wird, die ihr Leben für Gott noch lassen werden. Der Verweis auf die Märtyrer früherer Zeiten soll den später lebenden Menschen Kraft geben, ihr Zeugnis in ihrer Zeit zu erbringen und ohne Angst auf Gottes Willen hinzuweisen, auch wenn sie dafür sterben müssen. Sie alle erhalten ein Ehrenkleid und damit Gerechtigkeit, aber Gottes Langmut mit der Erde ist sehr groß. Deshalb wird das Gericht noch zurückgehalten, bis die Zahl der Märtyrer und der durch ihr Zeugnis zu Gott geführten und in der Folge dessen erlösten Menschen vollständig wird.

Zum dritten zeigen die Worte in Vers 11 „daß sie ruhten noch eine kleine Zeit" eindeutig auf Menschen, deren Auferstehung erst bevorsteht. Auch wenn sie noch im Grab liegen und weiter ruhen, ihr Glaube, ihr Zeugnis und ihr Leiden und auch ihr Wunsch nach Gericht stehen bereits vor Gott, der alles in der Hand hält.


  1. Alternativ wird der Wortstamm naphasch auch mit „atmen" übersetzt: Was Adventisten glauben, 4. Aufl. Advent-Verlag (1996), S. 123.